Claude Code & Codex – zwei Ansätze, ein Ziel
Beide helfen dabei, Code zu schreiben und Projekte voranzubringen – aber auf grundlegend verschiedene Weisen. Eine Vorstellung beider Tools, ein ehrlicher Vergleich, und wie ich sie in meinem Alltag einsetze.
Zwei Tools, zwei Philosophien
KI-gestützte Entwicklungstools sind gerade in einem Moment, in dem sich die Grundfrage neu stellt: Soll die KI neben mir sitzen und mitdenken – oder soll sie die Aufgabe nehmen, verschwinden, und fertig wiederkommen?
Claude Code und OpenAI Codex repräsentieren diese zwei Ansätze sehr deutlich. Nicht besser oder schlechter, sondern grundlegend anders. Wer beide versteht, kann wählen – und muss nicht mehr raten, warum ein Tool in einer Situation besser funktioniert als das andere.
- Läuft im Terminal, direkt im Projekt
- Interaktiv – Dialog Schritt für Schritt
- Liest und bearbeitet Dateien live
- Führt Bash-Befehle aus
- Kontext wächst mit dem Gespräch
- Ideal für iterative Entwicklung
- Cloud-basierter Agent
- Asynchron – Aufgabe delegieren, warten
- Arbeitet in einer Sandbox-Umgebung
- Pull Requests als Output
- Parallele Tasks möglich
- Ideal für abgegrenzte Aufgaben
Claude Code – der denkende Kollege
Claude Code ist ein CLI-Tool, das man im Terminal startet – direkt im Projektordner. Von dort an hat es vollen Zugriff: es liest Dateien, schreibt Änderungen, führt Tests aus, schaut sich Fehlermeldungen an. Und es fragt nach, wenn etwas unklar ist.
Das Entscheidende ist die Interaktivität. Man arbeitet nicht mit Claude Code, man arbeitet mit Claude Code. Es ist kein Werkzeug, das man bedient – es ist eher ein Gesprächspartner, dem man erklärt, was man erreichen will, und der dann mitdenkt, rückfragt und schrittweise vorgeht.
Claude Code sieht nicht nur den Code – es sieht das Projekt. Den Kontext, die Struktur, die Abhängigkeiten. Das macht den Unterschied.
Wie eine Session aussieht
claude im Terminal – Claude Code liest die Projektstruktur und relevante Konfigurationsdateien wie CLAUDE.md.Eine CLAUDE.md im Projektroot ist das Herzstück einer guten Claude-Code-Nutzung. Sie enthält Projektkontext, genutzte MCP-Server, Skills und Regeln. Claude Code liest sie bei jedem Start – so muss man nicht jede Session neu aufsetzen.
OpenAI Codex – der autonome Agent
Codex funktioniert anders. Man beschreibt eine Aufgabe – und Codex erledigt sie selbstständig, in einer isolierten Cloud-Umgebung, ohne dass man dabei sein muss. Das Ergebnis ist meistens ein Pull Request oder ein Diff, den man reviewen und mergen kann.
Der Vorteil ist offensichtlich: Man kann mehrere Tasks gleichzeitig laufen lassen. Während Codex an einem Bug arbeitet, macht man selbst etwas anderes. Das ist echter Parallelismus – nicht simulierter.
Der Nachteil ist die gleiche Medaille: Codex arbeitet blind. Es gibt kein Hin-und-Her, keine Rückfragen, keinen laufenden Dialog. Was man hineingibt, ist alles was Codex hat. Wenn die Aufgabe zu vage ist oder unbekannte Abhängigkeiten hat, kommt etwas Falsches heraus – und man merkt es erst am Ende.
Wann Codex funktioniert
Geeignete Aufgaben für Codex✓ "Schreibe Unit-Tests für alle Funktionen in utils.ts"
✓ "Refactore diese Komponente auf den neuen API-Standard"
✓ "Füge JSDoc-Kommentare zu allen öffentlichen Methoden hinzu"
✓ "Migriere diese Datenbankabfragen von v1 auf v2 der Library"
✗ "Hilf mir herauszufinden, warum dieser Workflow nicht funktioniert"
✗ "Baue das Feature – ich erkläre dir dabei was ich meine"
✗ "Schau dir das an und sag mir was du denkst"Der direkte Vergleich
Beide Tools lösen reale Probleme – aber verschiedene. Die Frage ist nicht welches besser ist, sondern welches für welche Situation passt.
| Kriterium | Claude Code | Codex |
|---|---|---|
| Arbeitsweise | interaktiv, dialogbasiert | asynchron, autonom |
| Kontext-Aufbau | ✓ wächst im Gespräch | einmalig beim Start |
| Parallele Tasks | einer nach dem anderen | ✓ mehrere gleichzeitig |
| Rückfragen möglich | ✓ jederzeit | nicht vorgesehen |
| Unklare Aufgaben | ✓ klärt sich im Dialog | riskant |
| Eigene Umgebung | ✓ läuft lokal | Cloud-Sandbox |
| Review-Workflow | direkte Änderungen | ✓ PR / Diff |
| Für Einsteiger | ~ etwas Einarbeitung | ✓ niedrige Hürde |
Wann nehme ich welches Tool?
Nach einigen Monaten mit beiden Tools hat sich bei mir ein klares Muster herausgebildet. Es ist keine strikte Regel – aber eine gute Faustregel:
- Ich weiß noch nicht genau, was ich will
- Das Problem braucht mehrere Iterationen
- Ich will den Code verstehen, nicht nur haben
- n8n-Workflows bauen und debuggen
- Architekturentscheidungen treffen
- Etwas funktioniert nicht und ich suche den Grund
- Ich will parallel erklären und lenken
- Die Aufgabe ist klar umgrenzt und beschreibbar
- Ich kann währenddessen etwas anderes tun
- Repetitive Änderungen über viele Dateien
- Tests schreiben für bestehenden Code
- Refactoring nach festem Schema
- Dokumentation generieren
- Der Output soll reviewbar sein
Wenn ich die Aufgabe in einem Satz vollständig beschreiben kann und das Ergebnis reviewen will → Codex. Wenn ich beim Beschreiben selbst noch denke und das Gespräch der Prozess ist → Claude Code.
Mein Workflow mit beiden Tools
In meinem Alltag ergänzen sich beide Tools, statt sich zu ersetzen. Neue Features oder komplexe Workflows entwickle ich mit Claude Code – iterativ, mit Dialog, mit CLAUDE.md als Kontextanker und Obsidian als Dokumentationsschicht.
Wenn ein Feature fertig und verstanden ist, entstehen daraus oft klar beschreibbare Folgeaufgaben: Tests schreiben, Code an anderer Stelle angleichen, Kommentare ergänzen. Das sind Codex-Aufgaben – ich formuliere sie, delegiere sie, und reviewe den PR danach.
Mein typischer Ablauf# Phase 1: Verstehen & Entwickeln → Claude Code
$ claude
> "Ich baue einen n8n-Workflow der X macht. Fang mit der
Grundstruktur an und erkläre mir die Node-Auswahl."
# Phase 2: Dokumentieren → Obsidian
# Kontext, Entscheidungen, offene Punkte festhalten
# Phase 3: Skalieren & Cleanup → Codex
"Schreibe Tests für alle Funktionen im Code-Node.
Input-Struktur: siehe workflow.json, Zeile 47–89."Der Schlüssel ist die Dokumentation dazwischen. Was in Obsidian steht, kann ich Codex als Kontext mitgeben – und Claude Code beim nächsten Mal direkt aufgreifen lassen. Die drei Tools bilden für mich ein System, keine Insellösungen.
Fazit
Claude Code und Codex lösen echte Probleme – aber verschiedene. Wer nur eines kennt, denkt, das andere sei schlechter. In Wirklichkeit sind sie für unterschiedliche Momente gemacht.
Claude Code ist mein täglicher Entwicklungspartner. Codex ist das Delegations-Tool für klare, abgegrenzte Aufgaben. Beide zusammen – mit Obsidian als gemeinsamer Wissensbasis – sind mehr wert als jedes einzeln.
Die beste KI ist nicht die mächtigste – sondern die, die zum aktuellen Moment der Arbeit passt.